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Stellungnahme des Hochschulverbands für interkulturelle Studien e.V. zur Flüchtlingsthematik an Hochschulen

11.01.2016

Hochschulverband für interkulturelle Studien e.V.
Netzwerk interkultureller Forschung und Lehre

Stellungnahme des Hochschulverbands für interkulturelle Studien e.V. zur Flüchtlingsthematik an Hochschulen

Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, die sich in der deutschen Bevölkerung angesichts der Flüchtlingssituation zeigt, ist überwältigend. Die vielen professionellen und freiwilligen Helfer und Helferinnen leisten Großartiges. Viele von ihnen sind jedoch zu wenig auf die kulturellen und menschlichen Herausforderungen vorbereitet. Damit besteht aber die Gefahr, dass sich anfängliche Zugewandtheit in Ablehnung verwandelt, wenn sich herausstellt, dass Geflüchtete anders als erwartet auf die gut gemeinte Hilfe reagieren.
Auf der anderen Seite stehen viele der Geflüchteten genauso ratlos den selbstverständlichen Gepflogenhei-ten und Überzeugungen der deutschen Kultur gegenüber. Der „gute Wille“ ist sicherlich eine notwendige jedoch keine ausreichende Voraussetzung für ein gelungenes gegenseitiges Verständnis. Hier gilt es, mit professioneller interkultureller Begleitung sicher zu stellen, dass die Risiken minimiert und die Chancen kultureller Diversität nachhaltig gesichert werden können. Für diese Maßnahmen müssen dringend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden.

Der Hochschulverband für interkulturelle Studien e.V. ist ein Netzwerk von Hochschullehrerinnen und –lehrern, die sich an deutschsprachigen Universitäten und Hochschulen in Forschung und Lehre mit Fragen des Umgangs mit kultureller Vielfalt und Fremdheit sowie mit Fragen der Gestaltung von Integration in unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten beschäftigen. Der Hochschulverband ist in der Lage, Wissen und Ressourcen bereitzustellen, die zur Bewältigung der Herausforderungen gebraucht wer-den, die sich mit der Flüchtlingssituation ergeben.

Drei Gegenstandsbereiche stehen dabei im Vordergrund:

1. Stärkung interkultureller Kompetenzen von ehrenamtlichen und professionellen Helfern und Helferinnen in der Flüchtlingsarbeit

Vordringlich sind Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen in interkultureller Sensibilisierung und interkulturel-ler Kompetenz. Zielgruppen sind Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Institutionen und Verbänden, die mit Geflüchteten zu tun haben sowie professionelle und freiwillige Helferinnen und Helfer. Die Maßnahmen müssen je nach Bedarfssituation gezielt zugeschnitten und flexibel angeboten werden, wofür die im Hochschulverband verfügbaren Ressourcen eine gute Voraussetzung darstellen. Da gegenwärtig ein akuter Bedarf an solchen Maßnahmen herrscht, setzt sich der Hochschulverband derzeit bundesweit dafür ein, dass an den Brennpunkten ein entsprechendes Angebot bereitgestellt wird.

Außerdem geht es darum, Orientierungswissen zur Verfügung zu stellen. Der durch Migration verstärkte gesellschaftliche Wandel kann kurz- und mittelfristig erhebliche Verunsicherung und Orientierungslosigkeit verursachen, wodurch die Gefahr zunimmt, dass Sicherheit und Orientierung in populistischen Ab- und Ausgrenzungs-Konzepten gesucht wird. Hier kann der Hochschulverband helfen, mit wissenschaftlich fundierten Argumenten und alltagsverständlich für Orientierung zu sorgen und die Zuversicht zu stärken, dass die Herausforderungen der Flüchtlingssituation auch langfristig bewältigt werden können.

Mit der gerade begonnen Initiative „Flüchtlingshilfe: Freiwilligen Helfern helfen“ werden beispielsweise Dozenten und Dozentinnen unterstützt, die an Hochschulen kostenlos interkulturelle Weiterbildungskurse für freiwillige Helfer anbieten (siehe www.intercultural-campus.org).

Der Hochschulverband empfiehlt, unbürokratisch und zügig Mittel zur Verfügung zu stellen, um Mitarbeitenden sowohl ehrenamtlicher als auch professioneller Flüchtlingsorganisationen durch interkulturelle Trainings zu unterstützen.

2. Trainings und Studienangebote für Zugewanderte

Um sich in Deutschland integrieren zu können, müssen Zugewanderte mehr als nur die deutsche Sprache lernen. Sie müssen auch lernen, die eigenen Kulturstandards zu relativieren, die für sie oft fremden Wertvorstellungen und unverständlichen Gepflogenheiten und Regeln zu verstehen, um mit ihnen umgehen zu können. Nur so kann die kulturelle Diversität der Zugewanderten von ihnen selbst bewusst wahrgenommen und in die deutsche Gesellschaft eingebracht sowie als Potenzial im Arbeitsleben genutzt werden.

Der Hochschulverband empfiehlt, Zugewanderten kurzfristig in breitem Umfang Zugang zu interkulturellen Trainings zu ermöglichen und mittelfristig an Hochschulen bedarfsgerechte flexible Studienangeboten für Zugewanderte zur Erweiterung ihrer sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen sowie zur fachspezifischen Nachqualifizierung zu fördern.

3. Begleitende Forschung ermöglicht Weitsicht

Drittens ist Forschung nötig. Mit der verstärkten Zuwanderung nimmt die Pluralität von Perspektiven, Ein-stellungen, Werteorientierungen und Lebenswelten zu und damit auch die Allgegenwart, Komplexität und Vielfalt interkultureller Interaktion. Es gilt zum einen herauszufinden, wie aus der Perspektive von Geflüchteten bzw. verschiedenen Flüchtlingsgruppen die gegenwärtige und zukünftige Lebenssituation, Chancen und Risiken eingeschätzt werden. Zum anderen gilt es, angewandte Forschungsprojekte durchzuführen, um im Hinblick auf konkrete Fragen bzw. Probleme (die etwa bei der Beratung und Betreuung von Flüchtlingen auftreten) Erklärungen zu finden und in Zusammenarbeit mit den Akteuren Lösungen zu erarbeiten. Der Hochschulverband empfiehlt hier die Sicherstellung einer zügigen und unkomplizierten Forschungsförderung, die eine interdisziplinäre Erfassung dieser neuartigen Phänomene ermöglicht.

Wir sind überzeugt, dass die sogenannte „Flüchtlingswelle“, die Zuwanderung vieler Menschen aus anderen Kulturen, hinsichtlich der demographischen und ökonomischen wie auch der sozialen und zivilgesellschaftli-chen Situation langfristig eine enorme Bereicherung darstellt. Die Chancen, dass sich auf Grund verstärkter Zuwanderung eine tolerante, diversitätsoffene Gesellschaft entwickelt, die sich auch in Zukunft im verschärften globalen Wettkampf behaupten kann, stehen sehr gut – vorausgesetzt, die vielen Herausforderungen, die sich auf dem Weg dahin stellen, können bewältigt werden. Hierfür ist es notwendig, sowohl neue Forschungsprojekte zu spezifischen Themen der Zuwanderung auszuschreiben als auch flächendeckend Mittel für interkulturelle Trainings und Studienangebote für alle Beteiligten bereit zu stellen.

Gez.: Der Vorstand des Hochschulverbands für interkulturelle Studien e.V.: Prof. Dr. Jutta Berninghausen, HS Bremen; Prof. Dr. Jürgen Bolten, FSU Jena (Vorsitz); Prof. Dr. Dominic Busch, UniBW München; Prof. Dr. Katharina von Helmolt, HaW München; Prof. Dr. Alois Moosmüller, LMU München (stellv. Vorsitz).


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